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Von Erdenschwere und Höhenflügen

von Georg Borgschulte


In diesen Tagen haben mich die Bilder von den Olympischen Spielen, von den Sportlerinnen und Sportlern fasziniert: beispielsweise die Turnerinnen, wenn sie auf dem Schwebebalken das Gleichgewicht oder auf dem Boden festen Halt gefunden haben, um dann zu einem Salto abzuheben; die (Rücken-)Schwimmer, wenn sie sich am Startblock mit ihren muskelbepackten Armen festkrallen, um dann explosionsartig, pfeilschnell ins Wasser zu tauchen.

Irgendwie ist es immer ähnlich: die Springer und Turnerinnen, die Basketballer und Volleyballerinnen, sie brauchen einen festen Ausgangspunkt, einen festen Halt, um dann nach oben, nach vorne zu schnellen. Ich sitze vor dem Fernseher und denke: das möchte ich auch können. Nicht im körperlichen, im wörtlichen Sinne - dazu bin ich mit 62 Jahren wohl etwas zu alt -, sondern in der übertragenen Bedeutung, in meinem Leben insgesamt: Einen festen Halt haben und von diesem Halt aus dann starten, mich ins Leben stürzen, frei und ohne Angst, ohne die depressive Erdenschwere abheben, meine Träume leben.

Als Vater von fünf Kindern war dies immer mein Ziel: den Kindern einen Grund, einen Halt geben, von dem aus sie dann ins Leben starten können; Wurzeln, aus denen sie leben und aus denen ihnen Flügel wachsen, damit sie in den Wirbelstürmen des Lebens auf Kurs bleiben. Zunächst hieß das für uns als Eltern: in Verbundenheit mit den Kindern leben, Achtsamkeit und Empathie für ihr je eigenes Wesen entwickeln, von ihnen lernen, mit ihnen Rituale entwickeln, sie aber auch begleiten, beschützen, fordern und korrigieren.

Ihnen Zugänge zu sich selbst und ihrem Körper, zur Natur und zu Gott eröffnen – auch das hat ihnen Stand fürs Leben gegeben. Dann sind sie ausgeflogen, auf ihren Wegen, mit oder ohne Erlaubnis von uns Eltern, mit ihren Flügeln, mit ihrem Magnetsinn auf zu neuen Zielen, manchmal auch wieder mit ihrem „Heimfindesinn“.

„Aber was ist mit mir“, fragt die junge Frau, die mir im Gespräch gegenüber sitzt. „Mir fehlen die Wurzeln und meine Flügel sind gebrochen.“ In einem längeren Begleitungsprozess erarbeiten wir gemeinsam, wie und wo sie sich neu verwurzeln kann, auf welche Weise sie Orte findet, an denen sie leben möchte, und Menschen, mit denen sie leben möchte. Und vielleicht kann sie dann auch wieder ganz zaghafte Flugversuche machen und die Angst abzustürzen hinter sich lassen.

Und durch den Kontakt zu einer christlichen Gemeinschaft, zu unserer Gemeinde im Katholischen Forum kann sie sich auch wieder „festmachen in Gott“, kann Halt, Lebenskraft und Orientierung gewinnen im Glauben, im Vertrauen auf einen Gott, der die Wege unseres Lebens mitgeht.

In vielfältiger Weise entdecken wir in unserer Arbeit Menschen, die eine große Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Verbundenheit, nach Sinn und spiritueller Vertiefung antreibt. Können wir ihnen zeigen, dass der Glaube, das Vertrauen auf Gott, neu Wurzeln geben kann, die den Stürmen des Lebens standhalten? Wir selbst ahnen vielleicht gar nicht, zu welchen Dingen, zu welchen Traumreisen und Höhenflügen wir fähig sind, wenn wir unser Leben „in Gott verankern“. 

Dann können wir mit der amerikanischen Turnerin Gabrielle Douglass beten, wie sie nach ihrem Sieg im Mannschaftswettbewerb von London auf facebook geschrieben hat: „Ein Traum ist wahr geworden! Gott gebührt die Ehre! Vielen Dank für alle Gebete, die mich begleitet haben! Es bedeutet so viel für mich!“


Über Georg Borgschulte

Der Autor arbeitet als Pastoralreferent zusammen mit Pater Siegfried Modenbach und Pater Jürgen Heite im Leitungsteam des Katholischen Forums in Dortmund.


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