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Eine sehr verlockende Aussicht

von Sr. Astrid Meinert


Die erste Sonntagslesung berichtet von einer allseits sehr gut bekannten Szene. Gott fragt Adam, ob er vom verbotenen Baum gegessen habe. Adam schiebt den schwarzen Peter an Eva weiter und die wiederum gibt der Schlange die Schuld. Typisch menschlich – aber Hand aufs Herz – ein bisschen feige, oder?

Warum fällt es so schwer, dazu zu stehen, wenn man einen Fehler gemacht hat? Dazu fällt mir Vieles aus meinem Alltag als Lehrerin ein. Schon früh werden wir darauf getrimmt, möglichst alles perfekt und richtig zu machen. Fehler kommen im System unserer Gesellschaft nicht vor. Und im Glauben? Da lag der Akzent oft anders. Da ging es um Schuldhaftigkeit und das Kleinmachen des Einzelnen. Da haben uns Adam und Eva wirklich ein tolles Vermächtnis mitgegeben – die Sünde.  

Doch es geht auch anders. Ich habe den Text mit Schülerinnen und Schülern bearbeitet und wir haben eine Gerichtsverhandlung „Der Fall: Die verbotene Frucht“ szenisch gespielt. Es ging darum, das Geschehen einmal näher zu beleuchten und die Frage zu stellen, was wir konkret für uns herausarbeiten können. Ganz schnell kamen die Jugendlichen darauf, dass es doch möglich sein sollte, zum eigenen Verhalten zu stehen.

Warum sagt Adam nicht, dass er neugierig war? Dass ihm durchaus bewusst war, dass Gott verboten hatte, von diesem Baum zu essen, und er es trotzdem getan hat. Liegt es vielleicht daran, dass wir aus unserer Erfahrung zu wenig wirkliches Verzeihen und Vergeben kennen? Wenn wir uns entschuldigen, erleben wir doch oft, dass unser Gegenüber nachtragend ist. Aber Gott ist eben nicht so. Er kann mit einem offenen Schuldbekenntnis und ehrlicher Reue umgehen – das lehrt uns Jesus immer und immer wieder.

Aber zurück zum Text. Nach Adam kommt Eva mit demselben Argument. Schuld wird abgeschoben, die Idee war schließlich nicht die ihre und die Schlange war einfach zu überzeugend. Die Jugendlichen in der Schule hatten die Rollen von Adam, Eva und der Schlange perfekt ausgearbeitet und besetzt. Die Schlange wurde von einer Schülerin gespielt, die es sogar schaffte, die Richterin sprachlos zu machen. Sie fand immer ein gutes Argument und hatte ein so einnehmendes Wesen, dass man ihr blind vertraut hat.

Das kann ja passieren – man lässt sich verleiten, wird geblendet oder die Neugier siegt. Das Wesentliche liegt in der Reaktion. Versuche ich Fehler oder schuldhaftes Verhalten zu negieren oder auf andere abzuschieben oder stelle ich mich meiner Verantwortung? Der Verantwortung, dass wir als Abbilder Gottes geistbegabte Menschen sind, die ein Gespür für das Richtige haben, wenn wir auf IHN schauen und hören.

Also: Mehr Mut dazu, der Schlange auf die Schliche zu kommen, wenn sie verlockt. Mehr Mut dazu, Ja zu sagen, wenn wir etwas verbockt haben. Was soll schon passieren? Das Paradies wartet auf uns – es ist nicht gänzlich verloren, sondern für uns dann Realität, wenn wir Gott von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Eine sehr verlockende Aussicht, oder?


Über Sr. Astrid Meinert

Die Autorin ist Diplom-Religionspädagogin, Kunsthistorikerin und Lehrerin. Derzeit lebt sie als Novizin bei den Pallottinerinnen in Limburg.


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