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Die Grenzen der Sprache überschreiten

von P. Jürgen Riegel SAC


Man wird sich schwer tun, den Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889-1951) einen Heiligen nennen zu wollen, und dies obgleich sein Leben und sein Werk Züge aufweist, die an einen der alten Eremiten erinnern könnten, etwa in den Phasen seines zurückgezogenen Lebens in der Einsamkeit einer norwegischen Holzhütte, vor allem aber im Hinblick auf die betonte Zurückhaltung im Glauben an die Reichweite der menschlichen Erkenntnis.

Von Ludwig Wittgenstein ist wohl vor allem ein Wort in die Geschichte eingegangen, das oftmals zitiert wird, an passender oder an unpassender Stelle, und dieses Wort bildet das Schlusswort eines seiner Hauptwerke, der „Logisch-philosophischen Abhandlung“: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber sollte man schweigen“. Möglicherweise wollte Wittgenstein mit diesem Satz auf die Grenzen dessen hinweisen, was sich überhaupt und grundsätzlich sprachlich ausdrücken lässt. In einem Brief an einen Freund aus dem Jahr 1919 kommt Wittgenstein auf dieses Buch, auf die „Logisch-philosophische Abhandlung“, zu sprechen, und auf das, was er an sich in dem dazugehörenden Vorwort schreiben wollte.

In dem Brief heißt es: „Ich wollte einmal in das Vorwort einen Satz geben, der nun tatsächlich nicht darin steht, den ich Ihnen aber jetzt schreibe, weil er Ihnen vielleicht ein Schlüssel sein wird: Ich wollte nämlich schreiben, mein Werk bestehe aus zwei Teilen, aus dem, der hier vorliegt, und aus alledem, was ich nicht geschrieben habe. Und gerade dieser zweite Teil ist der Wichtige.“ Das deutet darauf hin, dass er gerade das, was sich nicht sagen oder schreiben lässt, für wichtiger hält, als jenes, worüber sich nach seiner Ansicht sinnvolle Aussagen treffen lassen.

Auch wenn dies sicher nicht von Wittgenstein beabsichtigt gewesen sein sollte, kann sich für uns aus seinen Worten ein Zugang zum Geheimnischarakter des Glaubens eröffnen, besonders dann, wenn wir ein anderes Wort Wittgensteins mit bedenken: „Es gibt allerdings
Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“ So könnte für ihn durchaus gelten, dass das „Mystische“ wichtiger wäre als alles, was sich unserem Denken und unserer Sprache auf einfacherem Weg erschließen würde. Und eben dieses „Mystische“ zeigt sich, und es unterliegt daher auch nicht den Zwängen des gewöhnlichen sprachlichen Ausdrucks. Der Bereich Gottes erschließt sich aus der Erfahrung.

Wenn in der Heiligen Schrift von der Auferstehung Jesu berichtet wird, dann geschieht das oftmals in Verbindung mit dem Wort „erscheinen“, so etwa bei Paulus: „Christus … erschien dem Kephas, dann den Zwölf.“ (1 Kor 15,5) Nach seiner Auferstehung „zeigte sich“ Christus den Jüngern als der Lebendige, als der, der am Kreuz gestorben war, den aber Gott von den Toten auferweckt hatte. Die Erfahrung der Begegnung mit dem Auferstandenen war für die ersten Christen die ursprüngliche Gotteserfahrung, und von dieser Gotteserfahrung berichteten sie. Weil die Erfahrung des Auferstandenen am Anfang stand, konnten sie davon berichten.

Weil sie Christus erfahren hatten, waren sie nicht sprachlos. Sie konnten reden, weil sie wussten, wovon sie redeten. Weil Christen aller Jahrhunderte Erfahrungen mit Gott gemacht hatten, drängte es sie, von diesen Erfahrungen und von Gott zu reden. „Worüber man nicht sprechen kann, darüber sollte man schweigen“. Das mag schon richtig sein, aber kann oder sollte man schweigen über Erfahrungen, die man gemacht hatte, und deren Klarheit sich im Inneren eines Glaubenden so tief eingegraben hat, dass er nicht mehr imstande ist, hinter sie zurück zu gehen? Das ist dann doch so gut wie unmöglich. Oder, um es mit Worten aus dem Buch der Apostelgeschichte zu sagen: „Wir können unmöglich schweigen von dem, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apg 4,20)


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