Das soll Pallotti sein?
von P. Peter Hinsen SAC
"Das soll unser Pallotti sein? Dieser Riese mit den klobigen Händen?" Solche Reaktionen hatte der österreichische Künstler Oskar Kokoschka befürchtet. Sein langes Zögern, den Auftrag für das Gemälde zu übernehmen, war nicht unbegründet. Porträts gehörten zwar zu seinem Metier, doch einen Toten zu malen, zumal einen Priester, der in Kürze heiliggesprochen werden sollte, das konnte er sich nicht vorstellen. Erst die Zusage, dass er die volle künstlerische Freiheit habe, ließ ihn ans Werk gehen.
Bevor das Bild vor fünfzig Jahren den Pallottinern übergeben wurde, war es in einer Ausstellung von Expressionisten in der Tate Gallery in London zu sehen. Das hohe Lob renommierter Kunstexperten ließ aufhorchen. So mit Lorbeeren geschmückt konnten die pallottinischen Auftraggeber leichter für "diesen Pallotti" ihrer Gemeinschaft werben. "Das will kein realistisches Porträt sein. Man muss es eher als ideelles Bild verstehen", war die Kunde. Hier solle der von der Liebe gedrängte Eifer dargestellt werden, mit dem Vinzenz Pallotti sich für eine Erneuerung der Kirche einsetzte.
Aber ehrlich gesagt: Oskar Kokoschka interessierte die Kirche herzlich wenig. Doch eine Frage beschäftigte ihn zeitlebens: Wer schützt die Kinder? Er wurde den Schmerz nicht los, dass er das Kind nicht retten konnte, das seine Freundin Alma Mahler von ihm erwartete. Aber diesem Pallotti traute er zu, auch Schutzpatron der Kinder zu sein. Er hatte von ihm gehört, dass er für Waisen ein Heim gegründet und sich um die Erziehung von verwahrlosten Jugendlichen gesorgt hat. Das berührte das Herz des Meisters.
Anlässlich der Übergabe seines Pallotti-Bildes schrieb er: "Möge mein Bild Eure Augen öffnen, möge der Blick des Heiligen in Euer Inneres sehen, Euch erwecken zu einem Liebeswerk für die Ärmsten der Armen, für die Kinder, vor denen die Gesellschaft die Türen zuwirft, weil man im Wohlfahrtsstaat sich von den Gestrandeten abwendet, die sich nicht an einer Planke zu retten verstanden. Man nennt diese Elenden die asozialen Elemente. Ihrer sind auch im jetzigen Deutschland zu viele. Deren Kinder sind bestimmt dazu, Verbrecher zu werden, haben sie erst ihre Unschuld verloren und sind herangewachsen wie ihre Eltern und ausgestoßen von der Gesellschaft. Möge mein Bild des heiligen Vinzenz Pallotti zum Fürsprecher für die Kleinen werden nach den Worten: Lasst die Kleinsten zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich."
Es ist gut, dass es unterschiedliche Pallotti-Bilder gibt: das des Mystikers und visionären Apostels, das des Anwalts der Berufung aller Menschen zum Zeugnis für die Liebe Gottes, das des Eiferers für eine erneuerte Kirche - und auch das Bild des Kinderfreundes, der das Herz auf dem rechten Fleck hat und mit mächtiger Hand die Gefährdeten schützen will. Das soll unser Pallotti sein? - Ja, das ist er auch.
Vorankündigung: Pater Peter Hinsen bietet am 26. Februar 2012 um 14.30 Uhr im Augsburger Diözesanmuseum St. Afra, wo das Pallotti-Porträt bis Ende des Jahres zu besichtigen ist, eine Sonderführung zu diesem Bild an.
Über P. Peter Hinsen SAC
Der Autor lebt im Provinzialat in Friedberg, ist Mitglied der "KA+das zeichen"-Redaktion und seit September in der Wallfahrtsseeslorge von Herrgottsruh tätig.
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