Evangelisierung - eine Provokation bis heute
von P. Edward Fröhling SAC
„Das wahre Christentum stehet nicht in Worten oder im äußerlichen Schein, sondern im lebendigen Glauben, aus welchem rechtschaffene Früchte und allerlei christliche Tugenden entsprießen. Denn weil der Glaube menschlichen Augen verborgen und unsichtbar ist, so muss er durch die Früchte der Gerechtigkeit und Seligkeit und alles Gute erwiesen werden!“ So schrieb am Beginn des 17. Jahrhunderts der lutherische Pfarrer Johann Arndt seiner Kirche ins Stammbuch.
Auch heute wird in unserer Kirche viel überlegt und gestritten, wie man Menschen gewinnen kann – für das Feuer des Evangeliums, für unseren christlichen Glauben. Manche Stimmen setzen darauf, das Katechismus-Wissen „aufzufrischen“: Predigt, Erziehung, Neu-Einschärfung des Verlorengegangenen: „Neu-Evangelisierung“ – als gäbe es so etwas wie einen Anspruch darauf, dass jeder als Christ geboren wird und aufwächst, in einer Selbstverständlichkeit bürgerlicher Normal-Religion. Irgendwann – aus welchen Gründen auch immer – ist dann der Glaube, den „man normalerweise zu haben hat“ verloren gegangen und muss eben erneuert werden.
Ich halte das weitgehend für Unsinn!
Es gibt keine Neu-Evangelisierung – es gibt Evangelisierung: Feuer fangen an der Glut unendlicher göttlicher Liebe zur Welt und zu den Menschen. Es gibt ein Sich-Vertiefen in das Geheimnis dieser göttlichen Glut und die Bereitschaft und das Bemühen, unser Leben davon verwandeln zu lassen. Das gibt es: Selbst-Evangelisierung!
Wenn wir darüber, über unsere eigene Bekehrung zur „Strenge der Nachfolge“ (Meister Eckhart) hinaus, andere Menschen anstecken wollen, anfeuern und begeistern, dann gilt immmer noch Johann Arndts Einsicht: Es nützt kein noch so frommes Gerede, es nützen nicht die schönsten Theorien, es nützt kein Katechismuswissen, es nützt keine überwältigende Selbst-Inszenierung, „Worte und äußerlicher Schein“. Mit dem Versuch, die Athener mit Worten „zu Christen zu machen“, ist schon der Apostel Paulus gescheitert.
Nachzulesen ist das in der Apostelgeschichte im 17. Kapitel. „Weil der Glaube menschlichen Augen verborgen und unsichtbar ist, so muss er durch die Früchte der Gerechtigkeit und Seligkeit und alles Gute erwiesen werden!“
Der Lutheraner Arndt ist nicht weit entfernt von der Überzeugung des heiligen Vinzenz Pallotti, der uns – seiner von ihm gegründeten Vereinigung vom Katholischen Apostolat – ganz ähnliches „hinter die Ohren schreibt“: „Wenn nämlich Gott irgendwie in den Geschöpfen sichtbar ist, so ist er es in den Werken der Liebe, denn Gott ist die Liebe!“
Das, was Gott uns geschenkt hat: unser Leben, unsere Berufung, unsere Phantasie, unsere Energie, unsere Leidenschaft dafür zu nutzen, den im Herzen verborgenen Glauben lebendig werden zu lassen mit Hand und Fuß, in Fleisch und Blut – in der „Sorge für den notleidenden Nächsten, wer auch immer das ist.“ (Pallotti) Das ist der Weg der „Evangelisierung“!
Vielleicht gewinnen wir nur noch so wenige Menschen für das Evangelium, weil man uns unsere schönen Worte nicht abnimmt, weil der Glaube all zu verborgen in Büchern, Herzen, alten Pseudo-Gewissheiten und „äußerem Schein“ vor sich hin lebt.
Eine Provokation bis heute zur Vorbereitung auf das Feste des heiligen Vinzenz Pallotti am kommenden Wochenende: „Wenn nämlich Gott irgendwie in den Geschöpfen sichtbar ist, so ist er es in den Werken der Liebe, denn Gott ist die Liebe!“
Über P. Edward Fröhling SAC
Der Autor lehrt Fundamentaltheologie und "Theologie der Spiritualität" an der Philosophisch-Theologischen Hochschule (PTHV) in Vallendar.
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