Wie lässt sich Gott erfahren?
von P. Jörg Müller SAC
Wie lässt sich Gott erfahren?
Jeder hat schon mehrmals eine Begegnung mit Gott gehabt; viele haben sie jedoch nicht als solche erkannt. Manche reden vom „Zufall“, andere sehen irgendwelche paranormalen Vorgänge. Man muss offen sein für Gott, mit ihm rechnen, die Zeichen deuten können. Und dennoch: Es besteht Gefahr, manche Vorgänge und Zeichen falsch zu deuten und mitunter alles Fromme für den Heiligen Geist zu halten. Vorsicht ist also geboten, oder besser gesagt: Wir müssen um die Unterscheidung der Geister beten.
Gott ist im allgemeinen erfahrbar durch mitmenschliche Begegnungen, auch durch Worte der Bibel, durch rettende Situationen, selbst im Leid. Um einigermaßen das Wirken Gottes in unserem Leben erkennen zu können, bedarf es der Übung. Eine wesentliche Voraussetzung ist die Stille; denn Lärm und Hektik erschlagen die leise Anwesenheit Gottes. Und wenn wir annehmen, er sei ohnedies nie da und im übrigen taub für unsere Gebete, dann ärgert uns weniger die vermeintliche Passivität Gottes als vielmehr unsere Ungeduld mit ihm und unser Misstrauen. Denn Gott begegnet uns dort, wo wir nicht sein wollen: in der Stille und in der Krise.
Hindernisse
Die fehlende religiöse Erziehung sowie die Profanisierung des Religiösen machen es schwer, offen zu sein für das Wirken Gottes. Er hat Interesse an jedem von uns und sucht gerade den schwachen Menschen. Die Privatisierung des Glaubens ist ein weiterer Hemmschuh; denn sie verhindert ein öffentliches Sprechen über Gott. Dann tritt noch die Intellektualisierung hinzu, eine Art verkopfter Glaube, der den Weg zum Herzen umgeht. Wer ein Handeln Gottes in der Geschichte generell leugnet, macht es seinem Gott schwer, auf ihn zuzugehen.
Eigenartigerweise finden manche Personen auf dem esoterischen Umweg wieder zu ihm; es gibt zahlreiche Bücher, in denen die Autoren erzählen, wie sie von Gott angerührt wurden.
Es ist eine merkwürdige Tatsache, dass es weltweit keinen einzigen Bericht gibt über eine religiös motivierte, von Gott geführte „Bekehrung“ weg vom Christentum in eine andere Religion, sondern nur umgekehrt hin zum Christentum. Der Guru Rabindranath Maharaj wurde Christ („Tod eines Guru“), Charles de Foucauld machte eine radikale Wende durch; viele verraten eine oft dramatische Gotteserfahrung, die sie an die Grenzen ihrer seelischen Kraft bringt. Manche haben Angst vor Veränderungen und gehen falschen Ratgebern auf den Leim in der Hoffnung, das Glück auf Erden zu bekommen. Doch Gott verspricht nicht das Glück auf Erden. Es fällt auch auf, dass Begüterte eher von Gott abfallen als Arme. Nicht Leid ist das größte geistliche Problem, sondern Luxus.
Gott spricht durch die Heilige Schrift
Eine Frau hat große Not. Ihr Mann hat sich scheiden lassen und drängt sie nun aus der Wohnung; da er Jurist ist, kennt er alle Tricks. Sie kommt weinend zu mir und bittet um mein Gebet. Ich solle beten für eine Wohnung; denn sie hat noch zwei Wochen Zeit. Ich hake nach: Soll die Wohnung im Zentrum oder am Stadtrand liegen? Parterre oder erster Stock. Mit oder ohne Garten. Sie schaut mich irritiert an und meint „Gott weiß das.“ – „Wissen Sie es auch?“ frage ich nach. „Ja ja, wie Sie sagen: am Stadtrand, Parterre, mit Garten. Aber Hauptsache, eine Wohnung“, entgegnet sie und wischt sich die Tränen ab.
Ich fange also an und bitte laut um diese Wohnung. Und während ich so bete, drängt ein innerer Impuls mich zum Aufschlagen der Bibel, die auf dem Tisch lag. Ich nehme sie und blättere wahl- und hilflos darin, bis mein Auge auf eine unterstrichene Textstelle im 1. Buch der Könige fällt: „ Ich habe ein Haus für dich erbaut zur Wohnung.“ (8,13)
Wir waren beide sehr betroffen. Und tatsächlich zog sie kurz darauf in die gewünschte Wohnung ein: am Rand der Stadt, Parterre, mit einem kleinen Garten. Und da Gott Humor hat, setzte er noch eins drauf: Der Ehemann musste die Miete bezahlen.
Immer wieder erlebe ich, wie bei meinen Klienten Gott durch ein Wort der Bibel handelt. Oder durch zwischenmenschliche Begegnungen, die rein „zufällig“ zur rechten Zeit eine Not klärten. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass Gott nie zu früh oder zu spät kommt, sondern stets auf die Minute. Das strapaziert aber jeden, der ungeduldig ist.
Über P. Jörg Müller SAC
Der Autor ist Psychotherapeut und Pallottinerpater in Freising. Er leitet dort die Heilende Gemeinschaft, eine stationäre therapeutische Einrichtung auf christlicher Basis. Bisher liegen mehr als 40 Bücher von ihm vor.
Ihre Meinung zu dieser Kolumne
Schreiben sie doch eine E-Mail an die Redaktion: kolumne@pallottiner.org
Weitere Aktionen
03.07.2012
Sinnedom in Vallendar – Sommer-Überraschungsfilm
22.-24.06.2012















