Sorge um die Seele in den Blick nehmen
von P. Heinz-Willi Rivert SAC
Seele - das Wort klingt wie aus einer anderen Zeit: altmodisch, unmodern, unwissenschaftlich. Dem einen oder anderen aus dem süddeutschen Raum kommt da ein Gebäckstück in den Sinn. Bei genauerem Hinsehen - oder besser - Hinhören entdeckt man aber, wie das Wort Seele in unserer Umgangssprache auch heute noch lebendig ist.
Da brennt einem etwas auf der Seele. Wer seelenlos handelt oder auf Kinderseelen herumtrampelt, gilt als unmenschlich. Da rennen sich Menschen die Seele aus dem Leib. Wer seine eigene Seele verkauft, begeht einen offensichtlich nicht oder kaum mehr gut zu machenden Fehler. Wer dagegen beseelt handelt, scheint es auf eine besonders positive Art und Weise zu tun. Und Menschen suchen auch heute noch Nahrung für ihre Seele.
Wenn Menschen heutzutage von Seele reden, dann schwingt dabei mit: Ich, Selbst, Tiefe, das Innerste, Individualität, Identität, das Eigentliche, die Mitte, Geheimnis, ewig, geistig, unsterblich, göttlich. Seele also eher als ein assoziativer Begriff, kein naturwissenschaftlicher.
Das griechische Wort für Seele ist Psyche. Es kommt vor in Psychologie oder Psychotherapie. Psychologie jedoch versteht sich heute als Naturwissenschaft und dementsprechend geht es ihr um psychische Funktionen wie z.B. Konzentration, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Selbstsicherheit, Wirklichkeitswahrnehmung oder Widerstandskraft. Der Seelsorge dagegen kann, darf und soll es um die Seele gehen, um das, was die Menschen mit Recht auch heute noch mit dem Begriff Seele verbinden.
Am Ende dieser Woche gehen auch in den letzten beiden Bundesländern Deutschlands, Bayern und Baden-Württemberg, die Sommerferien zu Ende. Man darf also getrost sagen: Schule hat allerorten wieder begonnen - und damit auch der Alltag für uns alle. Dass das, was wir mit Seele meinen, im Schulalltag nicht aus dem Blick gerät, darum geht es in der Schulseelsorge: Sorge um die Seele am Lebensort Schule.
An diesem Lebensort Schule herrschen unterdessen verschärfte und veränderte Bedingungen. Ging es früher primär um die Entwicklung einer ganzheitlichen Persönlichkeit, geht es heute in erster Linie um den Erwerb von für den ökonomischen Wettbewerb nützlichen Kompetenzen. Ein ähnlicher Unterschied wie zwischen Seele und Psyche. Wer bin ich, wer möchte, kann, darf und soll ich sein, welche Fähigkeiten und Kompetenzen, durchaus auch personaler, sozialer und ethisch-religiöser Art, brauche ich, um in der ökonomischen Wettbewerbssituation zu bestehen, auf der anderen Seite.
Für mich als Schulseelsorger muss es darum gehen, dass die Seele nicht auf der Strecke bleibt, und damit um die Frage, wer ich bin und wer ich sein will, kann, darf und soll - vor Gott und auf Gott hin. Es ist wichtig, dass die Frage nach Gott nicht auf der Strecke bleibt, in unserem Alltag von Schule, Beruf und Familie. Es geht darum, dass nicht nur und ausschließlich die Frage nach Nützlichkeit und Funktionalität zählt, und alles andere „durchs Netz fällt".
Damit wir nicht nur funktionieren und uns irgendwann sinnentleert fragen, warum und in wessen Namen. Es geht darum, dass wir nicht nur nach ökonomischen oder was auch immer für welchen Maßstäben funktionieren, sondern leben lernen als die Menschen und Persönlichkeiten, als die wir von Gott gemeint sind.
Über P. Heinz-Willi Rivert SAC
Der Autor ist Schulseelsorger am Vinzenz-Pallotti-Kolleg und am Erzbischöflichen St. Joseph-Gymnasium in Rheinbach; Weiterbildung zum psychologischen Psychotherapeuten.
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