Logo

"Man muss auch gönne könne"

von Gudrun Schäfer


Sind Sie auch schon wieder aus dem Sommerurlaub zurück oder gehören Sie zu den glücklichen Menschen, die diese kostbaren Tage noch vor sich haben? Es ist schön auszuspannen, den Blick für Dinge zu schärfen, die im Alltag leicht untergehen oder übersehen werden. Es tut gut, Zeit zu haben, die Seele baumeln zu lassen und den Terminkalender in die Ecke zu legen.

Ich hatte gerade so eine intensive Urlaubszeit. Doch nun sitze ich wieder am Schreibtisch - so wie viele Menschen - die gerade aus dem Urlaub zurückgekommen sind. Einiges liegt nun vor mir und will möglichst rasch bearbeitet werden: Termine stehen an und vielfältige Aufgaben, die erledigt werden wollen. Die Gefahr ist daher groß, dass mich der Alltag schnell wieder „im Griff" hat. Sind die alten Verhaltensmuster doch tief in uns Menschen verwurzelt und werden durch den Urlaub nur für eine kurze Zeit durchbrochen. Und je mehr ich mich in die Arbeit stürzte, umso schneller gerate ich in dieses „Fahrwasser" hinein!

Was ist also zu tun? Wie kann man dem entgegen wirken? „Müßiggang ist aller Laster Anfang" warnt ein Sprichwort. Soll das dann für mich heißen: Ärmel hoch und durch. Kann das wirklich der richtige Weg sein? Da halte ich mich lieber an den Rat aus der Bibel. „Wer sich selbst nichts gönnt, wem kann der Gutes tun", heißt es im Buch Jesus Sirach. Diese Warnung ermutigt mich, nicht nur auf den Berg unerledigte Arbeit zu schauen, sondern auch mich selbst im Blick zu behalten und dafür zu sorgen, dass ich mich nicht in der Arbeit verliere.

Mit einem solch guten Vorsatz kann der Einstieg in den Alltag gewiss gut gelingen. Er wird mich ermutigen, am Abend nach getaner Arbeit auszuspannen und den Sonntag wieder neu als Ruhetag zu begehen. Der Kurs, der diese Woche hier im Forum Vinzenz Pallotti beginnt, heißt deshalb auch „Wer nicht genießt, wird ungenießbar".

All diese Ratschläge sind keine Erfindung unserer Zeit, sondern waren zu allen Zeiten anerkannt. Als Papst Eugen III. sich einmal sehr gestresst fühlte, da die vielen Aufgaben so stark auf ihm lasteten, gab Bernhard von Clairvaux ihm den Rat:

„Wenn Du Dein ganzes Leben und Erleben völlig ins Tätigsein verlegst und keinen Raum mehr für Besinnung vorsiehst, soll ich Dich da loben? Dann lobe ich Dich nicht. Ich glaube, niemand wird Dich loben, der das Wort Salomons kennt: Wer seine Tätigkeit einschränkt, erlangt Weisheit (Sir 38,25). Und bestimmt ist es der Tätigkeit nicht förderlich, wenn ihr nicht die Besinnung vorausgeht. Wenn Du ganz und gar für alle da sein willst, nach dem Beispiel dessen, der allen alles geworden ist (1 Kor,22) lobe ich Deine Menschlichkeit - aber nur, wenn sie voll und echt ist. Wie kannst Du aber voll und echt sein, wenn Du Dich verloren hast? ... Wenn also alle Menschen ein Recht auf Dich haben, dann sei auch Du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. - Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst. Ich sage nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft, aber ich sage: Tu es immer wieder einmal."

Übersetzt und kurzgefasst heißt das hier im Rheinland auch „Man muss auch gönne könne" - nicht nur anderen, auch sich selbst ...

In diesem Sinne einen guten Start in den Alltag!


Über Gudrun Schäfer

Die Autorin ist Leiterin der Begegnungs- und Bildungsstätte "Forum Vinzenz Pallotti" an der PTHV in Vallendar. Zudem gehört sie seit vielen Jahren zum Team der Projektstelle "Wege erwachsenen Glaubens" (Glaubenskurs).


Ihre Meinung zu dieser Kolumne

Schreiben sie doch eine E-Mail an die Redaktion: kolumne@pallottiner.org


Weitere aktuelle Kolumnen

29. Januar 2012 Das Ziel nicht aus den Augen verlieren
von P. Adrian Willi SAC
lesen
22. Januar 2012 Das soll Pallotti sein?
von P. Peter Hinsen SAC
lesen
15. Januar 2012 Evangelisierung - Provokation bis heute
von P. Edward Fröhling SAC
lesen

Alle Kolumnen im Überblick

Weitere Aktionen