Auf dem Weg zur selbstgemachten Freiheit
von P. Jürgen Riegel SAC
Wer auf diesen Seiten im weltweiten Netz der Information unterwegs ist, dürfte, ohne diese Behauptung nun statistisch untermauern zu können, zu einer Minderheit unter den Nutzern des Internet gehören, denn er oder sie steht einer kirchlichen Institution - im konkreten Fall eben unsere pallottinische Gemeinschaft - zumindest nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber. Zudem dürfte er oder sie zu denjenigen in unserer Gesellschaft gehören, die ganz bewusst an einen personalen Gott glauben. Damit hebt er sich ab von einer immer deutlicher sich zu Wort meldenden Gruppe derer, die dies dezidiert nicht tun.
Von den Akademietagen an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar im Januar diesen Jahres hat der dritte mein besonderes Interesse geweckt. „Galle, Gift und Gotteswahn. Der neue Atheismus als politische Bewegung" - so lautete der Titel, der dem Vortragsnachmittag von den Veranstaltern gegeben wurde. Nach dem großen Echo, das die Veröffentlichung von Richard Dawkins' Buch „Der Gotteswahn" hervorgerufen hatte, war die Aufmerksamkeit für das Thema des Atheismus wieder neu wachgerufen worden, und das offenkundig nicht nur bei mir, sondern auch bei den vielen anderen, die diesen dritten Vortragsnachmittag der Akademietage besucht hatten. Den Verdacht konnte man schon vorher haben, dass sich in letzter Zeit eine neue Variante des Atheismus herauszubilden schien, und der Akademietag konnte diesen Verdacht in beeindruckender Weise erhärten.
Nicht erst seit Dawkins gibt es den Atheismus, aber mit der Generation eines Richard Dawkins scheint er sich zu etablieren und sich zu einer politisch relevanten Größe zu mausern. Längst, so Alexander Kissler, einer der Referenten des Akademietages, geht es dem Atheismus nicht mehr darum, nachzuweisen, dass es keinen Gott gibt, denn das ist ja kraft der Vernunft längst widerlegt, oder besser: Da alles mit naturwissenschaftlicher Exaktheit erklärbar sein muss, ist es schlechthin undenkbar, dass es noch eine andere Instanz geben kann, die neben der Vernunft Geltung für sich beansprucht.
Nicht gesehen wird, dass der Glaube und die Vernunft einander bedürfen, insofern der eine als das Korrektiv der anderen fungieren muss - und umgekehrt. Sage da niemand, dass keiner den Glauben bedürfe, denn wenn einer meint, dass alles mithilfe der Vernunft erklärbar sei, dann zeugt auch das von einer Form des Glaubens - des Glaubens an die Macht der intellektuellen Fähigkeiten des Menschen, ganz so, als hätten wir in Zeiten der Diskussionen um Reaktorsicherheit und des Klimawandels nichts dazugelernt. Die Erkenntnis, dass die Natur uns eine Schuhnummer zu groß ist, sollte sich doch inzwischen herumgesprochen haben. Sollte dann nicht auch im Hinblick auf die menschliche Erkenntnis sich ein wenig mehr rhetorische Bescheidenheit Raum schaffen?
In seinem Buch „Der aufgeklärte Gott" weist Kissler auf den Kern der Ablehnung des Glaubens bei den Neuen Atheisten hin: Für sie gilt, dass Glaube mit Unfreiheit gleichzusetzen ist. Eine Instanz, die über dem Menschen steht? Nein, das dürfe einfach nicht sein, denn dann ist der Mensch zwangsläufig dazu verurteilt, Sklave dieser Instanz sein zu müssen. Durch den Gebrauch der Vernunft aber, so die Vertreter dieses Neuen Atheismus, erkennt man, dass man ein freier Mensch ist, frei zu denken und zu sagen, was man will. An dieser Stelle verbietet sich dann fast schon jeder Einspruch, denn dann würde man sich ja gewiss zu denen zählen, die dem Atheisten die Möglichkeit der freien Meinungsäußerung absprechen wollen.
Systeme, die sich selbst auf diese Weise immunisieren, sind immer fragwürdig in ihrer Selbstbegründung. Es mag enttäuschen, derartige Sätze zu hören, aber dennoch entsprechen sie einer nüchternen Wahrnehmungsweise: Ich bin nur dann frei und autonom, wenn jemand es mir gestattet, es zu sein. Und wenn wir dann nach dem Grund der unverfügbaren menschlichen Freiheit fragen, gelangen wir als Glaubende an einen Punkt, wo Atheisten niemals hin gelangen können. Um es mit Paulus zu sagen: „Was hast du, das du nicht empfangen hättest? Wenn du es aber empfangen hast, warum rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?" (1 Kor 4,7) Die selbstgemachte Freiheit der Atheisten meint Gott abzuschaffen, gleichzeitig setzt sie aber eine Illusion an die Stelle Gottes, deren Sprengkraft nicht zu unterschätzen ist, den Glauben an die eigene Allmacht.
Über P. Jürgen Riegel SAC
Der Autor erwarb 2005 das Lizenziat der Liturgiewissenschaft am Päpstlichen Athenäum Sankt Anselm in Rom. Seit 2007 gehört er der Kommunität der Pallottiner an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV) an.
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